Ruhr Nachrichten, 07.03.2013
Verlassene Eltern leiden Höllenqualen / Dortmunder Selbsthilfegruppe ist Anlaufstelle

Es ist ein Albtraum. Ein Albtraum, aus dem Rita Nordhaus* seit sechs Jahren nicht aufwacht. Denn solange schon hat sie ihren Sohn nicht mehr gesehen, gesprochen oder in den Arm nehmen können. Der junge Mann hat jeden Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen. Ohne ein Wort, ohne eine Begründung, ohne einen Blick zurück.

Vor sechs Monaten hat Rita Nordhaus die Selbsthilfegruppe „Verlassene Eltern“ gegründet. „Denn für uns gibt es sonst keine Anlaufstelle.“ Ruhig und gefasst erzählt die 55-Jährige an diesem Vormittag ihre Geschichte, weit entfernt von einem Tränenausbruch. Tatsächlich gelingt ihr zwischendurch sogar ein Lächeln. Allerdings: Ihre Augen lächeln nicht mit, aus ihnen spricht endlose Traurigkeit. Denn Rita Nordhaus leidet Höllenqualen, seit sechs langen Jahren, in denen ihr vor allem eins geblieben ist: eine große Leere. „Es tut immer weh. Es gibt keinen Tag, an dem wir nicht an unseren Sohn denken und ihn unendlich vermissen.“ Roman* ist 22, als er geht. Bis dato sind die Eltern überzeugt, dass ihr Familienleben intakt ist. „Wir wollten für Roman doch immer nur das Beste“, sagt Rita Nordhausleise.

Die Schulzeit, sie ist nicht ganz einfach, und ja, mal gibt es auch Krach. Vor allem, als Roman älter wird, ein Studium beginnt, häufig ausgeht und sich verliebt. Beim letzten Streit geht es um Geld. Um ein überzogenes Konto. Von jetzt auf gleich ist Roman fort, zu keinem Gespräch mehr bereit. Die neue Freundin und die zukünftigen Schwiegereltern haben großen Einfluss, unterbinden jede Kontaktaufnahme. Ab sofort ist Roman für seine Eltern unerreichbar. „Mein Mann fährt regelmäßig zum Haus der Schwiegereltern, in dem auch Roman wohnt. Um immer wieder aufs Neue abgewiesen zu werden. Dieses Schweigen, diese Funkstille treiben ihn um. Er hatte doch immer so einen guten Draht zu Roman. Warum spricht unser Sohn nicht wenigstens mit ihm?“ Fragen wie diese quälen auch andere verlassene Eltern, die die Dortmunder Selbsthilfegruppe besuchen. Die Geschichte von Rita und Dietmar Nordhaus, sie ist auch ihre Geschichte. Und sie alle wollen nur eins: ihre Kinder zurückhaben.

Hilfe gibt es für verlassene Eltern kaum, im Grunde ist da nur die Selbsthilfegruppe. Im Verwandten- und Bekanntenkreis wird das Thema meist schamhaft ausgeklammert. Behördliche oder juristische Hilfe? Beides Fehlanzeige. „Wir Eltern müssen die Situation einfach aushalten. Wir kennen unsere Enkelkinder nicht. Wir sind auch verlassene Großeltern“, schildert Rita Nordhaus weitere schmerzliche Erfahrungen, wenn die kleinste stabile Einheit, die Familie, auseinander bricht. Viele Eltern würden sich als Versager empfinden, die von ihren Kindern bestraft werden.

Dazu hat Rita Nordhaus eine klare Meinung: „Eine Schuldfrage gibt es nicht. Es gibt nur ein großes Warum.“ Manche Eltern würden durch den Verlust des Kindes krank oder ihre Persönlichkeit verändern. „Andere können wegen der ungelösten Situation nicht sterben“, weiß die 55-Jährige. Die Selbsthilfegruppe gibt nicht nur Halt. „Wir wollen nicht immer nur über unser Leiden sprechen, sondern auch mal Freude erleben und Perspektiven aufbauen“, betont Rita Nordhaus, die am Ende des Interviews noch immer genauso gefasst ist wie zu Beginn: „Ich habe meinen inneren Frieden und Entspannung über den Weg der Achtsamkeit gefunden. Auch wenn mein Herz schwer ist und täglich rufen möchte.“

Weitere Auskünfte über die Selbsthilfe-Kontaktstelle Dortmund, Friedensplatz 8, 44135 Dortmund, Tel. 0231- 52 90 97, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Nürnberger Nachrichten, Februar 2016

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